Jul 082012
 

Evidenzbasierte Politik ist seit einiger Zeit ein großes Thema. Wie mir scheint, ist es im wahrsten Sinne des Wortes „vernünftig“, politisches Handeln auf Evidenz, auf Fakten und Wissenschaftl zu stützen, statt auf ideologische Überzeugungen.

Ein Artikel von Richard H. Thaler in der New York Times vom 7. Juli 2012,  dessen Titel „Watching Behavior Before Writing the Rules“ man frei mit „Erst hinschauen, wie Menschen tatsächlich handeln, dann Regeln schreiben“ übersetzen könnte, zeigt die Vorteile evidenzbasierten politischen Handelns am Beispiel diverser Initiativen der  britischen Regierung. Wer mehr wissen will, kann mit einer Google-Suche schnell viel Information zum Thema evidenzbasierte Politik zutage förderen.

Betrachten wir doch einmal evidenzbasiert unser Eherecht. Dieses geht davon aus, dass die monogame Ehe eine Grundlage der Stabilität unserer Gesellschaft sei und deshalb die besondere Förderung und den besonderen Schutz des Staates verdiene. Ist das wirklich so?

Seit Jahrzehnten gehen die Scheidungsraten nach oben, Ehen werden immer kürzer, und Fremdgehen ist normal und einer der Hauptgründe für die vielen Scheidungen, wie Sie auf meiner Seite mit Statistiken (vor allem zu Ehe, Scheidungen, Fremdgehen) nachlesen können.

Von Stabilität in unserer Gesellschaft Dank des staatlichen Zwangs zur monogamen Ehe kann also keine Rede sein. Meiner Meinung nach sind die einzigen Bereiche, in denen der Zwang zur monogamen Ehe für Stabilität sorgt:

  • die hohe Zahl der Scheidungen
  • die hohe Belastung unserer Gerichte mit Scheidungsfällen
  • die Einkommen der Scheidungsanwälte und Scheidungsanwältinnen
  • die hohe Zahl von Menschen, die als Kinder oder Erwachsene das Trauma einer Scheidung durchleben müssen; oft sowohl als Kind als auch als Erwachsener, und Dank der seriellen Monogamie in beiden altersstufen eventuell sogar mehrfach
  • die Einkommen der Psychotherapeuten, welche eben diese Menschen betreuen müssen

Politik – wäre sie denn evidenzbasiert – müsste realisieren, dass die monogame Ehe als einzige und per Zwang durchgesetze Institution als Muster für dauerhafte Beziehungen für die meisten Menschen nicht funktioniert und durch andere Möglichkeiten ergänzt werden muß. Die monogame Ehe erfüllt den vom Staat gewollten Zweck, in unserer Gesellschaft für Stabilität zu sorgen, eben gerade nicht. Und wie die statistische Evidenz zeigt, tut sie das bereits seit Jahrzehnten nicht.

Das Festhalten an der Idee der monogamen Ehe als einzig förderungswürdige und schützenswerte Form des familiären Zusammenlebens  ist rein traditionell und ideologisch begründet, aber nicht evidenzbasiert.

Mehrfachbeziehungen wären eine sinnvolle Möglichkeit, das Spektrum unserer Familienformen zu ergänzen, die noch dazu eine echte Chance für mehr Stabilität böte. Denn interessanterweise sind die meisten Menschen, die Mehrfachbeziehungen wollen, an langlebigen Beziehungen interessiert. Sie wollen polygame Lebensformen, weil für sie der Beginn einer neuen Liebe nicht zwangsweise das Ende einer bestehenden Liebe bedeuten muss, wie man in zahlreichen Artikeln und Büchern nachlesen kann.

Eine evidenzbasierte Politik müsste auch in Betracht ziehen, dass die Wissenschaft zeigt, dass Menschen von Natur aus sexuell promiskuitiv sind. Das findet sich in den oben bereits genannten Statistiken zum Fremdgehen, sowie in einer Unzahl wissenschaftlicher Untersuchungen. Am deutlichsten und trotz wissenschaftlicher Seriosität sehr unterhaltsam wird es dargestelllt in dem Buch Sex at Dawn.

Wenn man schon dabei ist, könnte man gleich darüber nachdenken, ob die Ehe als staatlich erzwungene Institution nicht überhaupt abgeschafft und zu einer rein im Privatrecht verankerten Angelegenheit werden sollte, wie es beispielsweise ein aus dem englischen übersetzter Artikel „Politischer Sadismus“ von Richard Beck (Lektor und Autor des New Yorker Magazins n+1) fordert, der im Feuilleton der Süddeutschen Zeitung (Ausgabe vom 7./8. Juli) erschien.

Ich selbst bin in dieser Frage unentschieden. Letztlich folgt aus meinen Ansichten, dass der Staat sich aus den privaten Angelegenheiten der Menschen soweit möglich heraushalten sollte; und Liebesleben und Ehe sind so privat, wie es nur geht. Andererseits bin ich als studierter Historiker mir durchaus bewusst, dass Familien ein wichtiger Faktor einer Gesellschaft sind, der sich aber auch immer wieder verändert hat. Hier könnte also ein sinnvoller Weg gefunden werden, möglichst große Bereiche des Ehelebens dem privaten Regelungsbereich zu überlassen, beispielsweise per Ehe-Vertrag, während der Staat nur ein Minimum an Regeln setzt bzw. mit dem Rechtsstaat den Rahmen schafft, um die privatrechtlichen Verträge zur Not auch durchsetzen zu können.

Die Diskussion ist eröffnet.

Notice: This article can also be found in a translated english version on my english-language website viktor-leberecht.com. How i do my translations. Was denken Sie über diesen Beitrag? Schreiben Sie einen Kommentar. Dazu können Sie sich beim Kommentarfeld mit diversen sozialen Netzwerken anmelden, das erspart die manuelle Eingabe von Name und Email.

Last updated: Oktober 17, 2016 at 16:08 pm

 Permalink: Evidenzbasierte Politik müsste Polygamie legalisieren  Veröffentlicht am: 8. Juli 2012, Last updated: Oktober 17, 2016 at 16:08 pm  Posted by  Artikelserie: Polygamie Schlagworte: , ,  Add comments

  14 Responses to “Evidenzbasierte Politik müsste Polygamie legalisieren”

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  4. […] westlichen Gesellschaften kaum noch Ehen gibt, die 40 Jahre halten. Siehe dazu den Artikel “Evidenzbaiserte Politik müsste Polygamie legalisieren” und meine Seite über Statistiken (vor allem zu Ehe, Scheidungen, Fremdgehen). Was denken […]

  5. […] Kristina, vorwärts Angie, macht uns endlich zu einem modernen Land. Was denken Sie? Hinterlassen Sie hier einen Kommentar (zu finden am Ende der Seite). Das können […]

  6. […] Wenn man so denkt und handelt wie Family First, dann wird Politik nach Gefühl gemacht und nach den Vorgaben von Wertevorstellungen ohne jede Basis in der menschlichen Erfahrung oder wissenschaftliche Evidenz. Dabei hat die Wissenschaft längst gezeigt, dass evidenzbasiertes Handeln in der Politik die sinvollste Vorgehensweise ist. […]

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