Sep 302012
 

Nach meinem ersten TV-Auftritt habe ich noch mehr Respekt vor allen Poly-Aktivisten und all den Menschen, die seit Jahren – öffentlich oder in ihrem privaten Umfeld –  für Polyamorie, Legalisierung von Polygamie gleichberechtiger Partner und für einen freieren, humaneren und menschenwürdigeren Umgang mit dem Thema Sexualität eintreten. Viele von Ihnen haben damit begonnnen, als das ganze Thema noch völlig verrufen war, und viele mussten und müssen Spott, Verleumdung und jedwede Art übler Angriffe über sich ergehen lassen.

Und trotzdem standen und stehen sie auf und zeigen sich, wie sind und wofür sie stehen. Dafür meinen ganzen Respekt.

 

Ich habe mein Gesicht gezeigt

Ich habe mich bisher als Blogger engagiert, da steht zwar mein Name und mein Foto auf der Webseite, aber ich sitze geschützt am Schreibtisch. Jetzt bin ich mit meinem ersten TV-Auftritt – der in zwei Wochen gesendet wird – gerade einen weiteren Schritt gegangen, der möglicherweise zu mehr Bekanntheit, Exponiertheit und damit natürlich auch Verletzbarkeit führt. Und obwohl ich diesen Schritt gehen wollte,  erlebe ich natürlich Nervosität und Angst, nach dem Muster: Mein Gott, was wird jetzt passieren? Wird alle Welt mich kritisieren, angreifen, über mich lustig machen?

Ich werde hier kein Name-Dropping veranstalten, aber eine bekannte Persönlichkeit, der ich in einer privaten Nachricht geschildert habe, dass ich als TV-Neuling so aufgeregt war, dass ich kaum wußte, ob meine Sätze viel Sinn machten, war so freundlich, sich die Zeit zu nehmen, mir zurück zu schreiben: „I understand. TV can be terrifying.“

Das kann ich nur bestätigen. Diese Person machte mir aber auch Hoffnung, das werde sich mit der Zeit geben. Wir werden abwarten müssen, ob ich mehr Erfahrung kriege und weniger nervös werde. Aber bei diesem ersten Auftritt war ich höllisch aufgeregt, insbesondere weil dies nicht irgendeine relativ ruhig ablaufende Talkshow war, sondern eine, in der die Moderatoren die Gäste kräftig durch den Kakao ziehen und man eigentlich abgebrühter Medien-Profi und schlagfertig sein muss; trifft beides auf mich nicht zu.

Ich verstand danach die Gefühle der Verletzbarkeit und Scham, die Brené Brown beschreibt, noch besser. Die Nervosität, die Angst gesehen zu werden, den Wunsch sich nur zu zeigen, wenn man kugelsicher und perfekt ist – war ich garantiert nicht -, und wie wichtig es ist, es trotzdem zu tun.

Gestern war ich in dem Stadium, das Brene Brown beschreibt, als sie nach ihrer ersten Rede bei TED-X ernsthaft Gedanken hegte, das Video zu stehlen, damit es nicht veröffentlicht wird. Darüber bin ich heute weg, und ich bin trotz aller Unsicherheit einfach neugierig, das Ergebnis zu sehen und zu erleben, was danach passiert. Vielleicht guckt ja kein Schwein 🙂

Es ist gerade für Männer immer noch ungewöhnlich und wird oft abgelehnt – und wie Brené Brown sagt: vor allem von Frauen – wenn Männer so offen wie ich hier über Ängste, Unsicherheit und Schwäche sprechen. Ich aber halte es für wichtig, dass Männer solche Gefühle zeigen, und dass andere Männer und eben gerade auch Frauen lernen, damit klar zu kommen und es als wertvoll zu schätzen, statt den immer coolen, eisernen Helden zu erwarten.  Für jede und jeden, die / der überlegt, ob einfach nur im privaten Umfeld oder gar als öffentlicher Aktivist, sich für Mehrfachbeziehungen, sei als als Polyamorie oder Polygamie, einzusetzen, habe ich diese Gefühle geschildert, damit Sie wissen / Ihr wisst: Sie sind / Ihr seid nicht alleine.

 

Wenn Sie lieber unerkannt bleiben wollen – dann bleiben Sie es mit gutem Gewissen.

Ich rufe immer wieder zum Poly-Coming-Out auf, aber: es ist absolut verständlich und völlig in Ordnung, wenn jemand sich nicht öffentlich dazu bekennen will, denn Polyamorie, und noch mehr die Forderung nach Legalisierung der Polygamie, haben noch kein wirklich gutes Image, wie ich in dem Artikel „Polyamore Menschen verstecken sich“ schildere.

 

Was Ihnen helfen kann, wenn Sie sich zum Coming-Out entschließen.

Mir waren und sind auch gerade jetzt, in der Zeit zwischen der Aufzeichnung der Talkshow und der Ausstrahlung, die folgenden beiden Videos von Brené Brown eine Hilfe, und vielleicht helfen sie auch Ihnen, falls Sie sich zum Coming-Out entschließen wollen.

Dies ist Brené Browns erste Rede bei TED-X, nach der sie sich verstecken wollte; und wenn Sie verstehen wollen, warum es vielen von uns so schwer fällt, uns zu zeigen, wovor wir Angst haben, und wie wir damit umgehen können, sehr empfehlenswert. Falls der Player nicht funktioniert, hier der Link.

 

Das ist Brené Brwons Rede bei TED 2012, in der sie berichtet, was für ein Erfolg ihr Auftritt wurde und noch mehr erklärt, wie wichitg Verletzbarkeit und Scham sind, weil sie die Geburtshelfer alles Neuen in der Welt sind. Falls der Player nicht funktioniert, hier der Link.

 

Hier zwei Bücher von Brené Brown, auf deutsch und englisch.

 

Notice: This article can also be found in a translated english version on my english-language website viktor-leberecht.com. How i do my translations.

 Veröffentlicht am: 30. September 2012, Last updated: März 13, 2016 at 22:00 pm  Posted by  Artikelserie: Coming Out als Poly  Add comments

  5 Responses to “Hut ab vor allen Poly-Aktivisten”

  1. […] might have been added or left out to better meet the needs of an international audience from an original article on one of my german websites Viktor-Leberecht.de or Polygamie-ist-gut-fuer-sie.de (engl:Polygamy […]

    • Die englische Version dieses Artikels Hats off to all Poly-Activists wurde von diversen englischsprachigen Poly-Aktivisten wie @modernpoly, Therapeuten wie @IPGcounselingNJ, und Wissenschaftlern wie @ChrisRyanPhD, dem Autor von Sex at Dawn, über ihre Twitter und/oder Facebookaccounts weiterverteilt. Ich freue mich sehr darüber.

  2. […] und einem Artikel, in dem ich mich auf Polygamie-ist-gut-für-Sie.de unter dem Deckmantel einer Verbeugung vor Poly-Aktivisten über meine Nervosität ausgeweint habe, verrate ich heute endlich, dass es die Sendung Roche und […]

  3. […] Erlebnis hat mich sehr gefreut, denn wie ich in meinem Artikel “Hut ab vor allen Poly-Aktivisten” beschrieben habe, war ich sehr nervös den Schritt ins Fernsehen zu machen, auch weil ich […]

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