Vorurteile über Polyamorie

 

In unserer Gesellschaft sind diverse Vorurteile über Polyamorie verbreitet, die ein Zerrbild darstellen. Polygamie-ist-gut-für-Sie beschreibt deshalb gängige Vorurteile über Polyamorie und stellt Ihnen die wissenschaftlich dokumentierte Realität gegenüber.

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Vorurteil: Polyamorie ist eine Randgruppe abnormer Persönlichkeiten

Polyamorie wurde jahrelang als gesellschaftliche Randerscheinung behandelt und Menschen, die sich dazu bekannten als psychisch gestört oder zumindest seltsam angesehen. Diskriminierung insbesondere  am Arbeitsplatz hielt viele davon ab, sich dazu zu bekennen. Eine Studie, die im April 2016 veröffentlicht wurde, zeigt für die USA, dass Polyamorie für über 20% der Befragten ganz normal ist.

Vorurteil: Polyamore Menschen sind unzufrieden in Ihrer Haupt-Beziehung

Viele Menschen meinen, polyamore Menschen seien in Ihrer Beziehung unzufrieden und suchten deshalb weitere Partner/innen. In einer Studie zeigte sich das genaue Gegenteil.

Melissa Mitchell fand bei einer Gruppe von über 1.000 polyamoren Menschen, die im Durchschnitt seit neun Jahren mit ihrem/Ihrer Hauptpartner/in und zweieinhalb mit dem/der zweiten Partner/in zusammen waren keine Hinweise darauf. Im Gegenteil fand Mitchell, dass die Teilnehmer in ihrer Hauptbeziehung einen hohen Grad an Zufriedenheit aufwiesen. Sie fand außerdem, dass Zufriedenheit in der Zweitbeziehung keine negativen Effekte auf die Erstbeziehung hatte.

Eine Ergänzung von mir: der Durchschnitt dieser Menschen war zum Zeitpunkt der Studie neun Jahre mit ihrem Hauptpartner zusammen, das heißt vier Jahre länger, als die durchschnittliche Ehe in Deutschland und den meisten westlichen Ländern hält. Um es noch einmal deutlich zu machen; alle waren zum Zeitpunkt der Studie zusammen, sie blickten nicht etwa zurück auf vergangene Beziehungen. Auch das gibt einen Hinweis, dass polyamore Beziehungen offenbar gut und eventuell besser funktionieren, zumindest länger halten, als monogame Beziehungen.

Vorurteil: Polyamore Menschen leben als heterosexuelle Paare, die eine weitere Frau einbeziehen

In den Mainstream-Medien wird über Polyamorie zumeist so berichtet, dass es immer eine Paarbeziehung ist, die eine – manchmal mehrere – weitere Menschen als weitere Partner einbezieht. Das hat zum Teil damit zu tun, dass besonders in den Anfängen der Polyamorie-Bewegung die Idee, es müsse immer einen Primary (Erst-Partner) geben, und alle weiteren seien Secondary (Zweit-Partner)  etc, sehr verbreitet war. Viele polyamore Menschen leben tatsächlich nach diesem Modell, aber Bjarne Holmes fand, dass dies höchstens auf 30% der Polyamoren zutrifft. Die meisten polyamor lebenden Menschen lehnen laut Holmes derartige Hierarchien ab.

Ebenso falsch ist die Annahme, dass die meisten polyamoren Beziehungen aus einem Mann und zwei Frauen bestehen. Holmes fand, dass die Mehrzahl Dreierbeziehungen von einer Frau mit zwei Männern waren. Die so oft von Radikal-Feministinnen vorgebrachte Behauptung, das Akzeptieren von Mehrfachbeziehungen werde zu einer Unterdrückung von Frauen in polygynen Beziehungen führen, hat offenbar nichts mit der Realität moderner Gesellschaften zu tun.

Von meiner Seite ist zu ergänzen, dass auch die Fixierung der Öffentlichkeit auf Heterosexualität bei polyamoren Menschen falsch ist. Wenn ich – ohne wissenschaftliche Genauigkeit beanspruchen zu können – zusammenfasse, was ich in den diversen  Artikeln und Büchern sowie unzähligen Forenbeiträgen, die ich gelesen habe, berichtet fand, dann stellt es sich mir wie folgt dar.

In den – selteneren – Konstellationen ein Mann mit mehreren Frauen, kommt es oft auch zu Sex unter den Frauen. In den – häufigeren – Konstellationen eine Frau mit mehreren Männern kommt es meist nicht, aber manchmal auch zu Sex unter den Männern. Bei Gruppen von mehreren Männern und Frauen scheinen bisexuelle Kontakte noch häufiger zu sein.

Völlig außen vor bleiben in der Berichterstattung der Mainstream-Medien – leider auch in Live Science – die gleichgeschlechtlichen Polyamoren. Unter männlichen Homosexuellen ist – siehe den Artikel von Conley – Polyamorie weit verbreitet. Und die “Bibel” der Polyamorie, das Buch “The Ethical Slut” ist stark von Ideen aus lesbischen Kreisen beeinflusst.

Vorurteil: Polyamorie ist eine Art, sich vor Bindung zu drücken

Dieses weitverbreitete Vorurteil wird allein schon dadurch widerlegt, dass jede Anleitung zu Polamorie beinhaltet, wie wichtig es in polyamoren Beziehungen ist, viel zu kommunizieren. Dass dies mehr ist, als Theorie, bestätigt Bjarne Holmes, der betont, dass alle von ihm untersuchten Studienteilnehmer zeigten, dass viel Kommunikation unter den Beteiligten der einzige Weg sei, dafür zu sorgen, dass die Bedürfnisse aller Beteiligten befriedigt werden.

Auch der schon erwähnte Umstand, dass die von Holmes untersuchten polyamoren Beziehungen zum Zeitpunkt der Untersuchung im Durchschnitt seit neun Jahren – also vier Jahre länger als die deutsche Durchschnittsehe – bestanden, widerlegt das Vorurteil, hier fehle es an Bindungfähigkeit.

Vorurteil: Polyamorie ist sehr anstrengend wegen der vielen Partner und der dauernden Komunikation

Viele Menschen glauben, die Anforderung, so viel zu kommunizieren, die Beziehung immer wieder neu auszhandeln, mache polyamore Beziehungen sehr anstrengend. Wiederum berichtet Bjarne Holmes das Gegenteil. Polyamore Menschen finden, dass diese Art des intensiven Austauschs sie bereichere und die Beziehungen stärke.

Hinweis: auch für monogame Beziehungen lese ich in den meisten Ratgebern, dass viel Kommunikation der Schlüssel zum Erfolg einer dauerhaften Beziehung ist. Vor dem Hintergrund ist es traurig zu lesen, dass viele monogame Menschen anscheinend Partnerkommunikation anstrengend finden. Vielleicht ein Grund, weshalb monogame Ehen von so deutlich geringerer Dauer sind, als polyamore Beziehungen? Der Scientific American jedenfalls empfiehlt typische Verhaltensweisen aus polyamoren Beziehungen als Vorbild für monogame Beziehungen.

Vorurteil: Polyamorie ist schlecht für Kinder

Für dieses Thema fehlt es derzeit noch an groß angelegten Langzeitstudien. Erste Studienresultate von Elisabeth Sheff weisen aber in die entgegengesetzte Richtung. Für die Kinder schien diese Familienform keine Nachteile zu bringen.

Wie schon in meinem Artikel Monogamie ist der Polyamorie und Polygamie nicht überlegen (Studie, Conley et. al., University of Michigan) berichtet, bringt sie sogar machne Vorteile, da die Kinder mehr Bezugspersonen haben. Auch plötzliches Zerbrechen der Beziehung aufgrund von sexueller Untreue – mit Abstand der Hauptscheidungsgrund in monogamen Beziehungen – kommt hier nicht so oft vor.

Damit bleiben den Kindern auch die Traumata erspart, die beim Zerbrechen einer monogamen Ehe wegen Untreue so verbreitet sind. In offiziell monogamen Beziehungen ist der Schock, wenn einer der Eltern untreu wird und es deswegen zu Streit oder sogar zur Trennung kommt, weitaus größer. Kinder aus solchen Ehen haben oft lange Zeit mit der Verarbeitung des Erlebnisses zu kämpfen und neigen später zu einem nicht von Vertrauen geprägten Beziehungsstil, und sie betrügen auch eher selbst. Und erzeugen damit eventuell erneut scheidungs-traumatisierte Kinder (siehe wiederum die schon mehrfach erwähnte Studie von Conley).

Unserer Gesellschaft täte es gut, ihre Mythen der Realität anpassen – Monogamie kann funktionieren, aber Polygamie und Polyamorie auch

Die obige Liste stützt sich vor allem auf den Artikel 5 Myths About Polyamory in Live Science und die Studie von Conley. Sie zeigen, dass unsere Geselschaft eine Menge falsche Annahmen über angebliche Vorteile der Monogamie und angebliche Nachteile von Mehrfachbeziehungen wie Polygamie und Polyamorie pflegt.

Wir wissen aus Scheidungstatistiken schon lange, dass Monogamie für die Mehrzahl der Bevölkerung als Modell für dauerhafte Beziehungen nicht funktioniert, meist wegen sexueller Untreue.

Die Wissenschaft beginnt seit einigen Jahren, Mehrfachbeziehungen unter neuen Gesichtspunkten zu untersuchen. Insbesondere verstehen die Forscher langsam, dass auch ihre eigenen Forschungen zu Ehe und Familie lange davon beeinträchtigt waren, dass sie das Monogamie-Paradigma im Kopf hatten. Conley et.al fordern, dass die Wissenschaft für Mehrfachbeziehungen neue Methoden und Denkweisen benötigt.

Das gleiche gilt auch für unsere Gesellschaft. Wir müssen uns von den Mythen, den Vorurteilen über Monogamie, Polygamie und Polyamorie verabschieden, und stattdessen die Erkenntnisse der nüchternen Wissenschaft zur Basis von Politik machen. In den USA und England ist die sogenannte evidenzbasierte Politik schon auf dem Vormarsch. Es wird Zeit, dass dies auch für Familienpolitik zur Leitlinie wird, statt sich, wie in Deutschland und Europa noch üblich, an ideologiebasierten (=evidenzlosen) Vorstellungen wie der auf christlichen Vorstellungen beruhenden heterosexuellen monogamen Familie oder dem Gender-Mainstreaming festzuklammern.

Lesen Sie dazu auch: Evidenzbasierte Politk müsste Polygamie legalisieren, sowie die unten aufgelisten weiterführenden Artikel.

 

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Last updated: August 29, 2016 at 12:20 pm

 

  4 Responses to “Vorurteile über Polyamorie”

  1. […] mehr zu gelten. Hier kommen wie mir scheint die Fremdheit dieser Lebensweise und daraus folgend falsche Vorstellungen von Polyamorie zusammen. Als wenn wir ständig nichts anders im Kopf haben, als die vergebenen Partner anderer […]

  2. […] will, sondern es tatsächlich um langfristige Beziehungen geht. Mehr dazu in meinem Artikel “Vorurteile über Polyamorie“. Ich durfte das am Beispiel meiner seit fast elf Jahren bestehenden Beziehung mit einer […]

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