Polygamie und Monogamie: Debatte benötigt Horizonterweiterung

Ob Polygamie oder Monogamie die natürliche Lebensform des Menschen sei, wird immer wieder und meist erregt diskutiert. Neuerdings wieder in der New York Times, wo Carl Zimmer behauptet, dass Monogamie einen evolutionären Vorteil bringe. Auch dieser Artikel ist Teil der Diskussion, die in den letzten Wochen durch zwei Studien über Monogamie bei Säugetieren und Primaten angeregt wurde. Die Studien unter Leitung von Christopher Opie und Dieter Lukas kamen jedoch zu unterschiedlichen Ergebnissen.

Nichtsdestoweniger sahen manche Autoren dies als Gelegenheit, ihre bereits bestehende Meinung, Monogamie sei die einzig natürlich Lebensform des Menschen, zu bekräftigen. Dabei gibt es dafür keinen einzigen wissenschaftlichen Beweis, wie unter anderen Professor Peter Kappeler deutlich macht.

Natürliche Lebensform?

Es erscheint mir wenig sinnvoll, bezüglich Monogamie von einer natürlichen Lebensform zu sprechen. Denn etwas, das uns natürlich ist, wäre so wie das Atmen, Essen und Trinken. Niemand müßte uns sagen, dass wir so leben sollen oder gar uns dazu zwingen. Wir würden es einfach tun, wir könnten gar nicht anders.

So betrachtet scheint es eher sinnvoll, Promiskuität als natürliche Lebensform anzusehen. Denn dass wir auch in offiziell monogamen Gesellschaften ständig Sex und dauerhafte Beziehungen mit anderen als unseren offiziellen Partnern haben, das ist Allgemeinwissen. Darüber hinaus wird es durch diverse Untersuchungen, wie beipielsweise von Conley sowie Statistiken zum Femdgehen und den Scheidungsraten und Scheidungsgründen wissenschaftlich belegt.

Monogamie soll Vorteil für Evolution sein

Der oben erwähnte Artikel „Monogamy and Human Evolution“ von Carl Zimmer in der New York Times hebt vor allem darauf ab, dass die Monogamie einen evolutionären Vorteil gebracht habe. Danach hätten Väter, die Langzeitbindungen eingehen, sich mehr um ihre Kinder gekümmert, was unter anderem zu einer besseren Nahrungsversorgung dieser Kinder geführt habe. Die wiederum sei möglicherweise der Grund, weshalb unsere Vorfahren größere Gehirne entwickelten.

Mal abgesehen davon, dass hier ein wenig viele Vorteile der Monogamie zugeschrieben werden, so ist diese Kausalkette meines Wissens keineswegs bewiesen. Dazu kommt, dass in Studien und Artikeln über polygame Gesellschaften immer wieder hervorgehoben wird, dass die promiskuitive Lebensweise unserer Vorfahren, bei der es nicht nur einen Vater gibt, sondern die ganze Gruppe sich um die Kinder kümmert, tatsächlich einen Vorteil für die dauerhafte Versorgung der Kinder bringt.

US-Autoren oft Polygynie-fixiert und haben daher zu engen Blickwinkel

Nicht zuletzt fokussiert Zimmer, wie die meisten Teilnehmer der Debatte, insbesondere aus den USA, auf die Polygynie = ein Mann mehrere Frauen. Er lässt dabei die Polyandrie = eine Frau mehrere Männer, außer Acht. Das aber ist ein schwerwiegender Fehler, denn promiskuitive Lebensweisen, die am ehesten der Polyandrie entsprechen, scheinen die bei unseren Vorfahren vorherrschende Lebensweise gewesen zu sein. So argumentieren jedenfalls Chris Ryan und Cacilda Jethá sowie die von Ihnen in Sex at Dawn zitierten Wissenschaftler.

Debatte um Polygamie und Monogamie braucht weiteren Horizont

Die Debatte über Monogamie benötigt einen Ansatz, bei dem zum einen Argumente wie „natürliche Lebensform“ außen vor bleiben. Zum anderen täte es der Debatte gut, wenn wir uns von der Fixierung auf Polygynie lösen und immer bedenken, dass Polygamie viele Formen kennt.

 

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    Last updated: März 6, 2017 at 20:07 pm

     

    Über Viktor Leberecht 226 Artikel
    Viktor Leberecht ist studierter Historiker, sowie ausgebildeter und berufserfahrener Journalist. Er gehört keiner Religion oder weltanschaulichen Gruppe an. Viktor schreibt über Polyamorie und deren eheliche Form, die Polygamie, um zu informieren, Vorurteile zu entkräften und für gesellschaftliche Akzeptanz der Polyamorie und Polygamie zu werben. Viktor lebt seit 2003 in einer polyamoren Beziehung mit einer verheirateten Frau.

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    1 Kommentar

    1. Mal im Ernst: Mir ist es relativ egal, was irgend welche Wissenschaftler da festgestellt haben wollen – ich lebe so, wie es mir gut tut (oder versuche es zumindest). Und dass ist ein Leben mit einer auf Freiheit, Vertrauen und Offenheit basierenden Liebe, die durchaus mehrere Partnerinnen (und auch deren weitere Liebespartner) mit einschließen kann (und natürlich auch entsprechende sexuelle Beziehungen).

      Fakt ist jedenfalls: Der Mensch ist von Natur aus nicht zur Monogamie oder sexuellen Beschränkung auf einen Partner geschaffen. Sonst wären diejenigen, denen es schwer fällt, sich dauerhaft so zu verhalten, die absolute Ausnahme und nicht die Mehrheit 😉
      Das betrifft Frauen wie Männer – und die Einehe ist (wie die patriachialische Mehrehe ebenso) ein Konstrukt der Macht- und Besitzstandswahrung.
      In Gesellschaften, in denen das nicht wichtig ist, gibt es in der Regel auch nicht solche Ehe-Konstrukte. Da gibt es bestenfalls eine Bindung zwischen Vater und Mutter über das Kind – oder eben Vätern und Müttern über ihre Kinder, denn auch das muss ja nicht immer 1:1 der Fall sein.

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