Polygamie in Kano: Reaktionen auf den Emir

Kano City Bild zu Beitrag Polygamie in Kano
Kano City, Nigeria

Die Initiative des Emirs von Kano, die Polygamie in Kano mit strengeren Gesetzen zu regeln, hat diverse Reaktionen hervorgerufen. Anscheinend führte seine Behauptung, Polygamie führe zu Terrorismus, nicht nur in westlichen Ländern zu Verwunderung. Der Emir fühlte sich deshalb zu der Klarstellung genötigt, dass er nicht die Polygamie selbst verbieten wolle.

Die Behauptung des Emirs von Kano

Wie in meinen Artikel „Polygamie führt zu Terrorismus! Da staunt selbst der Vatikan“ bei fisch+fleisch, auf den ich hier hinweise, berichtet, hatte der Emir von KanoSanusi Lamido Sanusi, vergangenen Montag behauptet, es gebe eine kausale Beziehung zwischen Polygamie und Terrorismus.

Aus den Worten des Emirs war nicht zu klären, auf welche belegten Fakten sich seine Behauptung stützt, dass es eine Verbindung zwischen Polygamie und Terrorismus gebe. „Männer, die nicht in der Lage sind, eine Frau zu unterhalten, heiraten vier. Sie haben 20 Kinder, die sie nicht erziehen. Am Ende landen die Kinder auf der Straße und werden Gangster oder Terroristen“, wird der Emir laut Radio Vatikan zitiert.

Kano ist ein sehr armer Bundesstaat, der vom Ölreichtum Nigerias nicht besonders profitiert. Es gibt dort viele junge Männer ohne Aussichten auf Arbeit und Einkommen, und damit ohne Chance auf Heirat, ohne Lebensperspektive. Laut einer Studie der britischen Royal Society von 2012 gelten sie wegen der Aussichtslosigkeit ihrer Situation als Reservoir für Anwerbungsversuche der Terroristen von Boko Haram.

Ein BBC-Korrespondent bestätigte, dass es in Kano in jedem Ort große Gruppen bettelnder Kinder gebe. Ob es sich dabei immer oder mehrfach um Kinder aus polygamen Ehen handelt, und ob und wie viele davon später als junge Männer Terroristen werden, weiß man jedoch nicht.

Der Vorschlag des Emirs: Polygamie in Kano nur mit genügend Geld

Der Emir wollte ein Gesetz vorschlagen, dass es für Männer vor der Heirat obligatorisch machen soll, nachzuweisen, dass sie auch in der Lage sind, ihre Familie zu versorgen. Das Gesetz ist Teil eines ganzen Maßnahmenpakets, das darauf zielt, die traditionell dem Mann untergeordnete Stellung von Frauen in mehreren Bereichen des Eherechts zu verbessern. Insbesondere häusliche Gewalt und Zwangsehe sollen verboten werden. Väter sollen darüber hinaus zu Unterhaltszahlungen verpflichtet werden. Diese Gesetzesintiative muss allerdings durch die Regierung des Bundesstaates Kano aufgenommen werden, um in Kraft zu treten.

Motivation für den Vorschlag des Emirs von Kano

Der erste Bericht über den Vorschlag im nigerianischen Onlinemagazin Punch hatte insbesondere in westlichen Medien Skepsis hervorgerufen. Denn der Emir blieb jeden Beleg für seine Behauptung schuldig.

Möglicherweise ist die Behauptung jedoch ohnehin vor allem eine Art argumentative Finte. Denn sein eigentliches Ziel ist eine Verbesserung der Situation der Frauen, eine Reduzierung von Armut, insbesondere der Kinder, und sicher auch die Eindämmung des Terrorismus.

Der Weg dahin kann unter anderem über die in Kano üblicherweise für Fragen des Familienrechts zuständigen Sharia Gerichte führen. Diese handhaben die eigentlich schon bestehenden Regeln des Islam oft zu lax, wie der Anwalt für Familienrecht Ik Nwabufo der BBC erläuterte.

Mit dem neuen Gesetz würden die in diesen Gerichten zuständigen islamischen Gelehrten zu einer Prüfung verpflichtet, ob die finanzielle Lage eines Mannes es ihm überhaupt möglich macht, den Regeln des Koran zur Versorgung der Frau zu entsprechen. Dies ist bisher nicht der Fall. Wenn die Richter außerdem überzeugt wären, dass sie mit dieser Prüfung und ihren Entscheidungen etwas gegen den Terrorismus tun, könnte dies zu einer strengeren Praxis bei der Heiratserlaubnis beitragen.

Derartige Überlegungen könnten der Grund sein, weshalb der Emir eine Verbindung zwischen Polygamie, Armut und Terrorismus zieht. Nicht zuletzt käme der Emir mit dieser Gesetzesintiative auch seinen Pflichten als hoher muslimischer Würdenträger und Sharia-Gelehrter nach, für eine Einhaltung der Regeln des Koran zu sorgen.

Reaktionen auf den Vorschlag des Emirs von Kano zur Regelung der Polygamie in Kano

Klarstellung des Emirs

Die Klarstellung des Emirs von Kano selbst vom 21.02. zeigt, dass diese Deutung vermutlich richtig war. Wie der nigerianische Daily Trust berichtet, sagte der Emir sein Vorschlag solle nicht die Polygamie an sich stoppen, sondern Anleitung zur richtigen Umsetzung islamischer Regeln sein:

… not meant to stop Muslims from marrying up to four wives as prescribed by Islam but to give ‘proper’ Islamic guidance on marriage and other family issues.

Zustimmung und Ablehnung bei Frauen

Es gab für den Vorschlag des Emirs von Kano sowohl Zustimmuung, als auch Ablehnung, sowie Skepsis gegenüber der Wirksamkeit.

Die Nigerian Tribune berichtet in ihrer Onlineausgabe von Interviews mit Frauen, die den Vorschlag begrüßen und alle Frauen aufrufen, ihn zu unterstützen. Sie meinen, dass der Emir nichts anderes wolle, als die Muslime dazu zu bringen, den Regeln des Koran zu folgen. Es sei auch eine Schande für Kano, dass es so viele arme Kinder gebe, die in Massen betteln gehen. Was sollten Fremde über das Land denken, wenn sie das erleben?

Aber es gibt auch andere Stimmen, die vermutlich erklären, warum Frauen sich auf Ehen auch mit armen Männern einlassen. Danach werde jede Ehe von Gott bestimmt, nicht von Menschen. Und was sei mit Frauen, die noch keinen Mann haben? Es gebe doch mehr Frauen, als Männer. Wer würde diese Frauen nach einem solchen Gesetz noch heiraten?

“The Emir might not be wrong but yet his statement is demoralizing for women who have yet to meet their future partners. There are many more women than men in the world, who is going to marry them?”

Skepsis wegen afrikanischer Tradition und Realitätsferne des Emirs

Ein Kommentar im nigerianischen Magazin Ynaija.com von dem aus Kano stammenden und jetzt in den USA lebenden Moses E. Ochonu, Professor of African History at Vanderbilt University, weist auf die afrikanischen Traditionen hin. Diese seien für viele Männer in Kano wichtiger, als der Islam. Nach diesen vermutlich jahrtausendealten Traditionen ist es für einen Mann wichtig, Reichtum und Kinder zu haben, um sich selbst als Mann zu respektieren, von anderen respektiert zu werden, und nach dem Tod in Würde erinnert zu werden.

Ochonu berichtet, wie ein armer Verwandter, dem er eine Strafpredigt gehalten hatte, weil er trotz Armut weiter heiratete und Kinder in die Welt setzte, ihm diese Traditionen in Erinnerung rief:

He said essentially that as a man, a man of our ethnic group, there are two things that one aspires to possess in abundance: wealth and children. These two possessions or at least one of them, he said, made one a man. He said he didn’t have money and could never be wealthy, having become too old for wealth to happen to him. All he had left to demonstrate his masculinity in order not to be a failure in life was to have as many children as he could have and to be remembered for being blessed with children when he is gone. He said people like me who “have money” would not understand since we already had the ability to possess the two gold standards of manly success.

Professor Ochonu sieht bei dem Emir von Kano den gleichen Hochmut des reichen und westlich gebildeten Afrikaners gegenüber den armen und ungebildeten Afrikanern, den er selbst hatte, bevor sein Verwandter ihm, als Reaktion auf seine Strafpredigt, in ruhiger und freundlicher Weise seine Situation erklärt hatte. Er ist skeptisch, dass der Vorschlag des Emirs die tatsächlichen Probleme seiner Landsleute lösen könne. Zuerst müssten die Vorstellungen der Menschen sich ändern, was einen erfolgreichen Mann ausmache.

Polygamie und Recht und Gesetz

Sie finden in der Artikelserie Polygamie und Recht und Gesetz auf Polygamie ist gut für Sie alle Artikel über rechtliche Probleme für Menschen, die Polygamie leben.

Weitere Artikelserien über Polygamie

Diese Artikelserie ist ein Teil der Artikelserien über Polygamie, wo Sie alle Artikel zu diesem Thema finden. Sie sind unterteilt in diverse Unterbereiche, wo es darum geht, wie Menschen Polygamie leben, sowie weitere Themen, beispielsweise:

 

  • Polyandrie mit Berichten über diese weniger bekannte und seltenere Form der Polygamie, bei der eine Frau mehrere Männer heiratet.
  • Polygamie und moderne Frau mit Artikeln über Ansichten moderner Frauen zu Polygamie. Manche Ansichten dieser Frauen werden Sie vermutlich überraschen.
  • Polygamie und westliche Gesellschaft mit Artikeln, was Polygamie für westliche Gesellschaften bedeutet.

Sie finden hier Artikel, die ich in aller Welt gefunden habe, zumeist in deutscher und noch öfter in englischer Sprache, dann habe ich meist eine Zusammenfassung geschrieben.

Weitere Informationen über Polygamie

Wenn Sie nach allgemeinen Informationen zu Polygamie suchen, dann besuchen Sie am besten den Bereich Polygamie ist gut. Sie finden dort Informationen, was Polygamie ist, wie Polygamie funktioniert, welche Vorurteile es über Polygamie lebende Menschen gibt, sowie weitere Themen in diversen Unterbereichen, beispielsweise:

Informationen über Polyamorie

Wenn Sie nach Informationen über Polyamorie suchen, besuchen Sie am besten Polyamoriemagazin.de, das Lifestyle Magazin für Polyamorie und offene Beziehungen. Dort finden Sie allgemeine Informationen im Bereich Was ist Polyamorie, was Polyamorie ist, wie Polyamorie funktioniert, wo Sie andere Polyamorie lebende Menschen treffen können, sowie weitere Themen in diversen Unterbereichen, beispielsweise:

Sie finden dort außerdem aktuelle Berichte in diversen Artikelserien über  Polyamorie, in denen es darum geht, wie Menschen Polyamorie leben.

Sie finden dort Artikel, die ich in aller Welt gefunden habe, zumeist in deutscher und noch öfter in englischer Sprache, dann habe ich meist eine Zusammenfassung geschrieben.

Schicken Sie gerne Ihre Anregungen, sie sind willkommen

Wenn Sie Anregungen haben, schicken Sie diese gerne über das Kontaktformular. Sie können auch auf jeder Seite Kommentare schreiben.

Photo by David Holt London

Über Viktor Leberecht 229 Artikel
Viktor Leberecht ist studierter Historiker, sowie ausgebildeter und berufserfahrener Journalist. Er gehört keiner Religion oder weltanschaulichen Gruppe an. Viktor schreibt über Polyamorie und deren eheliche Form, die Polygamie, um zu informieren, Vorurteile zu entkräften und für gesellschaftliche Akzeptanz der Polyamorie und Polygamie zu werben. Viktor lebt seit 2003 in einer polyamoren Beziehung mit einer verheirateten Frau.

Persönlicher Blog
Viktor-Leberecht.de
mit Meinungsartikeln und Viktors Thesen zu Polygamie und Monogamie.

Polyamorie Magazin
Polyamoriemagazin.de
Das erste Lifestyle Magazin für Polyamorie und offene Beziehungen

Hinterlasse jetzt einen Kommentar

Kommentar hinterlassen

E-Mail Adresse wird nicht veröffentlicht.


*